Tödlich-tragische Finalität

Pädophilie, behauptet die Kulturwissenschaftlerin Marta Georgi mit Blick auf die jüngsten ‚Enthüllungen‘, sei gar keine Eigenschaft konkreter Individuen. Die Ontogenese der Pädophilie sei reine Mystifikation. Sie folge einem heute gängigen Muster der Rationalisierung sexueller Vorlieben als (zweiter) Natur, einem unentschiedenen Streit: Anlage oder Umwelt. Es sind die Gene, sagen die einen. Frühkindliche oder sozialisatorische Einflüsse, die anderen. Tertium datur, sagt Marta Georgi. Es ist keines von beidem, sondern ein Drittes: Geschichte. (mehr…)

Edathy-Schock

Die Titanic berichtete zuerst – hier wird nachgelegt:

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Socken mit Karomustern

Simpel, aber gut gemacht. Da wird tief (v)erinnertes als archetypisches Familienidyll inszeniert, locker flockig flauschig, im vertrauten Pullunder-Design mit adretten Karokrägen, einer Vintage-Mischung aus Coco Chanel und Maria von Trapp, Meister-Propper-Soap und weißer Milch der Frühe; Dr. Oetker, Onkel Dittmeyer und Mr. Kellogs, der Erfinder des Antimasturbations-Brotes schweben als gute Geister, als Mütter-Versteher und Freunde artiger Kinder über der Szene, schnurpsen mit, crunchy-nuttig und albern und unter dem Tisch pendelt das blonde Bübchen mit den Beinen …

Scham müßte einen überkommen, dass man als annehmbar und immer noch (wieder?) zeitgemäß empfindet, was nur noch aus Nachkriegszitaten besteht: das Nichtentlassen-Wollen des Kindes aus dem Gefängnis unseres Gefühls für »es«, das Celebrieren des quietschenden Gesichtskrampfes im Angesicht seiner sheer cuteness.

Dies ist der Ausweg aus dem Suspense-Moment, der einen alten amerikanischen Spot zitiert, in denen Hausfrauen, die miterleben müssen, wie ihre kleinen Jungen an den Schwänzen spielen, für Augenblicke der Atem stockt, bis sie sich dafür entscheiden, darüber hinwegzusehen, es niedlich zu finden und den kids die Hosen stramm zu ziehen.

Unberechenbar ist die Welt geworden, lockt und droht ständig mit Neuerungen, fragmentiert uns – so zeichnen wir unser Selbst in abstrakten und gebrochenen Formen (die Form zeichnet uns aus), unsere Kind-Symbolisierung aber schreitet zurück zu Marcel Marlier oder den Ladybird-Books.

Die Pointe ist nicht die Auflösung in nichtsexuelles, es sei denn als das altbekannte Ärgernis der kritischen Theorie: dass uns der Fetisch Ware stets um den eigentlichen Genuß betrügt … die Pointe ist der Hinweis darauf, uns in eine hochnotpeinliche Lage verstrickt zu haben, die das suck‘it nur als ‚dreckige Phantasie‘ gelten lassen kann.

Wen interessieren schon Socken mit Karo-Mustern, die ausgezogen gehören.

Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung*



* Untertitel von K. Rutschkys Schwarze Pädagogik – Hefttitel des STERN: 2008 und 2015

Nachdem der STERN bereits 2008 das ‚Monsterkind‘ in herausfordernder Pose plakatierte (»Los, erzieht mich!«), geht er in seiner aktuellen Ausgabe mit ähnlichlautendem Titel aufs Ganze: »Kinder fordern: Eltern, erzieht uns!« – So das angebliche Fazit einer Studie von Marktpsychologen, die der STERN in Auftrag gegeben hat.

Dabei fördern die Befragungen eigentlich nur Bekanntes zutage: Kinder wünschen sich Zeit, Verständnis, ernstzunehmende Erwachsene, sich liebende Eltern. Der common-sense-Begriff der Erziehung verweist indes – trotz aller Rettungsversuche pädagogisch Tätiger – auf seine Gründungsakte in bürgerlicher Frühzeit, in denen qua Unmündigkeitserklärung der Kinder Herrschaft, Heteronomie, Zucht und strukturelle Gewalt legitimiert wurden. Passager, aber ‚ganzheitlich‘! Auf diesen common sense spekuliert der STERN und skandiert damit die seit über einem Jahrzehnt von Hickethier, Siggelkow, Gaschke, Winterhoff und Konsorten propagierte (Familien-)Erziehungsoffensive. Heil der liebevollen Strenge!

Pippi Langstrumpf war gestern. Zweifellos auch sie eine Projektion Erwachsener, Modell und Ermutigung. STERN verkauft uns Erziehung dreist als natürliche condition humaine, sanktioniert durch die ‚authentische Stimme‘ der Zu-Erziehenden selbst.1 Das ist der Brüller des Monats.

Es ist geradezu ein Musterbeispiel für die von Roland Barthes analysierten Mythen des Alltags – Analogon zum ‚Neger‘, der der französischen Fahne seinen Gruß entbietet. Als Entschuldigung für die (Re-)Hierarchisierung und die hierin eingebundene spezielle Verhaltensbereitschaft gegenüber dem Diminutiv Kind funktioniert das unterstellte Begehren, erzogen zu werden, analog zur exkulpierenden Phantasie amerikanischer Eltern, die ihre Kinder for their own good auf den Hintern schlagen: »Deep down inside they know they need it!« Das verschwiegene deep downcover up im STERN.

  1. Der Widerspruch in Neil Postmans Ruf nach Erziehung ist ausradiert: vom Wissen über die historischen Konstruktions- u. Zurichtungsbedingungen der Kindheit auf der einen und der Klage um das Verschwinden der Kindheit auf der anderen Seite, bleibt nur letztere: mit Dummheit und Militanz gerüstet. [zurück]

Will McBride ist tot

Es war abzusehen, dass er das Jahr nicht überleben würde. Er war schwer krank.

Eine späte Genugtuung – und wohl auch notwendige verkaufsfördernde Maßnahme – war die Eröffnung der c/o Foundation im Amerikahaus im vergangenen Herbst. Die Granden aus Politik und Kultur gaben sich – und ihm – die Ehre. Sein Adenauer hat Ähnlichkeiten mit einem Reptil. Nein, Will McBride ist kein Karikaturist.

Einer seiner Lehrer war Norman Rockwell, der auf so unverwechselbare Art, mit warmherziger Ironie, den amerkanischen Alltag portraitierte, als New Deal zwischen den Generationen: wir geben euch, den Kindern, neue Erlebniswelten und Ausdrucksfreiheit – aber ihr müßt auch ein wenig unserem sentimentalen Bild von Kind entsprechen: lebensfroh, übermütig, unschuldig, erotisierend. Eine friedfertig gedachte Welt. Rockwell soll McBride auch nahegelegt haben, Zeichenstift und Pinsel niederzulegen und sich besser auf die Fotografie zu konzentrieren.

Ich erinnere mich an eine kleine Veranstaltung im Innenhof und Atelier seines Hauses im Berliner Scheunenviertel, vor fast zehn Jahren. Es sollte eine Verkaufsausstellung werden – und Will war sehr betrübt darüber, dass seine Plastiken und Gemälde nicht dasselbe Interesse weckten, wie seine berühmten Fotografien. Der befreundete Dichter Thomas Böhme stahl ihm die Show. Dazu ein schöner Junge, der mit gespannter Aufmerksamkeit der Lesung lauschte. Um die Besucher richtig zu leiten, war im Torbogen die lebensgroße Plastik eines nackten Jungen aufgestellt – eine Hausnummer weiter machte zu dieser Zeit „Kind im Zentrum“ ‚Therapie‘ mit den unsublimierten Formen der Bewunderung für solche Jungen.

Meine Gedanken sind bei seinen FreundInnen und letzten Unterstützern.