Archiv für April 2010

Ästhetik der verletzten Existenz / Genet

Es gibt keine andere Quelle der Schönheit als die Verletzung, einzigartig, verschieden bei jedem einzelnen, versteckt oder sichtbar, die jeder Mensch in sich trägt, die er sich bewahrt und in die er sich zurückzieht, wenn er die Welt in eine vorübergehende, doch tiefe Einsamkeit verlassen möchte.

Jean Genet, in seinem Text über Giacometti, zitiert nach Edmund White (1993). Jean Genet. Eine Biographie. München: Kindler, S. 54

In einem seiner philosophical papers zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus fragt Charles Taylor, ob das Resultat einer »Ästhetik der Existenz«, gesetzt den Fall, wir könnten die »augustinische Innerlichkeit abschütteln«, wirklich so großartig wäre. Er tut dies merkwürdigerweise erst am Ende seines Aufsatzes über Foucault.1 Taylors Vorbehalte gegenüber Foucault sind nicht rational, sie folgen nicht logisch aus den 45 vorhergenden Seiten. Die Pflichtbindungen, denen Taylor sein Denken unterwirft, sind schon disparat genug: praktische Philosophie, analytische Kritik, »habits of the heart«. Und wie allen Pragmatikern geht Taylor die Lust an heuristischen Experimenten ab, fehlt ihm der Möglichkeitssinn. Foucaults Denken kennt dagegen nicht nur den Konjunktiv, sondern darüber hinaus den Optativ, diesen im Zuge der frühneuzeitlichen Modernisierung verlorengegangenen Modus des Verbs. (mehr…)

Informed Schlemmerei

Ich würde gern einige Leute zum Essen einladen. Aber ich trau mich nicht.
Ich hatte mir ausgedacht, mal was besonderes zu kochen und zu servieren: Dhal mit Parapincha, Shir mit hellem und geröstetem Curry, dazu den leicht lila Reis, der zuerst etwas muffig schmeckt. Als Nachtisch würde es saure Mangos mit Salz, Papayastreifen und curd and honey geben. (mehr…)

Penetranzen: Moral vs. Witz

Was könnten Haltungen, Haltepunkte sein – gegen die Infragestellung einer Lust, die zur Undenkbarkeit wird, schließlich zur Infragestellung und völligen Demoralisierung der Existenz, auf die man diese Lust appliziert? Im Falle des Begehrens auf einen Jungen hin bleibt festzuhalten, dass es die Heiligung des Kindes ist, die sein Pendant im Pädophilen findet: diese Paarung „macht“ das Heilige und sanktioniert die Gewalt wie die „Vogelfreiheit“. Das Heilige – ein Relikt aus animistischen, im Prinzip barbarischen Zeiten – ist das Unberührbare und Unaussprechliche. Diese Heiligung strebt momentan einem neuen Höhepunkt entgegen: sie äußert sich in Unbehagen, das Thema überhaupt anzuschlagen, im tiefen Durchatmen, im Pathos der Entschlossenheit, wenn denn das Thema – allenfalls beschwörend, niemals konkret – angeschlagen wird, wissenschaftlich/publizistisch in Disclaimern (»ich möchte keinesfalls…«, »um Mißverständnissen vorzubeugen…«), schließlich im Tabu, über Pädophilie zu lachen … denn hier ist die Einflugschneise für die Infragestellung der Heiligkeit. (mehr…)