Penetranzen: Moral vs. Witz

Was könnten Haltungen, Haltepunkte sein – gegen die Infragestellung einer Lust, die zur Undenkbarkeit wird, schließlich zur Infragestellung und völligen Demoralisierung der Existenz, auf die man diese Lust appliziert? Im Falle des Begehrens auf einen Jungen hin bleibt festzuhalten, dass es die Heiligung des Kindes ist, die sein Pendant im Pädophilen findet: diese Paarung „macht“ das Heilige und sanktioniert die Gewalt wie die „Vogelfreiheit“. Das Heilige – ein Relikt aus animistischen, im Prinzip barbarischen Zeiten – ist das Unberührbare und Unaussprechliche. Diese Heiligung strebt momentan einem neuen Höhepunkt entgegen: sie äußert sich in Unbehagen, das Thema überhaupt anzuschlagen, im tiefen Durchatmen, im Pathos der Entschlossenheit, wenn denn das Thema – allenfalls beschwörend, niemals konkret – angeschlagen wird, wissenschaftlich/publizistisch in Disclaimern (»ich möchte keinesfalls…«, »um Mißverständnissen vorzubeugen…«), schließlich im Tabu, über Pädophilie zu lachen … denn hier ist die Einflugschneise für die Infragestellung der Heiligkeit.

Greser & Lenz: FAZ, 26. Juli 2002

Transgressive, jeden Gegenstand affizierende und penetrierende Bewegungen, die den Diskurs durchziehen: die Moral, die aufklärende Vernunft, der Witz. Intimität und Lust zwischen Männern und Jungs: für die Moral ist dieser Gegenstand einer ihrer effektvollsten Horizonte. Der Leitbegriff des Moraldiskurses ist Mißbrauch. Das Amorphe des Begriffs läßt Tatorte und Tatumstände sich multiplizieren, penetriert Raum und Zeit, zuletzt die Geschichte (als typischer Fall von Selbstgerechtigkeit gegenüber den toten Geschlechtern, systematisiert besonders in der Psychohistorie von Lloyd de Mause). Die Transgression des Mißbrauchsdiskurses zielt niemals auf die Bekämpfung des dem Mißbrauch unterstellten, konkreten Schadens oder Leides – sie zielt auf die Aufrechterhaltung und Verstärkung des heiligen Schauders, der per se gewalterzeugend ist. Sie ist ein Fall von bedrohlicher Materialität des Diskurses, den Michel Foucault1 im Sinn hatte. Welche Widerstände gegen den Moraldiskurs gibt es?

Intimität und Lust zwischen Männern und Jungs: die aufklärende Vernunft ist hier schwach. Für die hard sciences hat die Moral den Zugriff auf diesen Gegenstand blockiert: erhellende Empirie ist inzwischen unmöglich. Existente Quellen, wie z.B. die sogenannte Kinderpornographie, können nicht verwertet oder nicht transparent gemacht werden. Und in den Kultur- und Sozialwissenschaften regiert die Moral die Hermeneutik, durchwirkt sie – und nur wenige Wissenschaftler entziehen sich dieser Fremdbestimmung. Dennoch hat die aufklärende Vernunft eine alles penetrierende, transzendierende Tendenz, man kann sie nicht stoppen, nur schläfrig machen oder zensieren.

Aber wenn die Vernunft auch entheiligt, gegen die Verdrängung und Verdunkelung arbeitet, so ist sie doch apathisch und agnostisch gegenüber menschlicher Vitalität und Lust. Lebenskunst, Güte, Glück, Genuß – das sind keine Begriffe, für die Vernunft automatisch Partei ergreift. Das hat die kritische Theorie ganz richtig bemerkt, für sie führte Vernunft stets diesen Index mit: Aufklärung ist durch ein Glücksversprechen finanziert, oder sie ist nichts. Witz und Humor sind hier natürliche Verbündete, denn ihnen wohnt eine vitalisierende Funktion inne: sie denunzieren Unterdrückung, Leid und Unglück, in dem sie für einen Augenblick Lust und Erkenntnis zugleich entbinden. Und auch dieser Diskurs ist ein natürlicher Selbstläufer, der sich durch Repression schlecht (siehe Karikaturenstreit), durch tabuierte Themen, also Selbstzensur nur vorübergehend ausbremsen läßt.

Hurzlmeier: Cartoon im Eulenspiegel, undatiert

Jeder Witz über Pädophile realisiert, allein durch seine Existenz, eine Ästehtik des Widerstands gegen den Moraldiskurs, der lust- und vernunftfeindlich den heiligen Schauer verewigen möchte und Gewalt perpetuiert.

  1. Vgl. Michel Foucault (1974). Die Ordnung des Diskurses. [zurück]

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