Ästhetik der verletzten Existenz / Genet

Es gibt keine andere Quelle der Schönheit als die Verletzung, einzigartig, verschieden bei jedem einzelnen, versteckt oder sichtbar, die jeder Mensch in sich trägt, die er sich bewahrt und in die er sich zurückzieht, wenn er die Welt in eine vorübergehende, doch tiefe Einsamkeit verlassen möchte.

Jean Genet, in seinem Text über Giacometti, zitiert nach Edmund White (1993). Jean Genet. Eine Biographie. München: Kindler, S. 54

In einem seiner philosophical papers zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus fragt Charles Taylor, ob das Resultat einer »Ästhetik der Existenz«, gesetzt den Fall, wir könnten die »augustinische Innerlichkeit abschütteln«, wirklich so großartig wäre. Er tut dies merkwürdigerweise erst am Ende seines Aufsatzes über Foucault.1 Taylors Vorbehalte gegenüber Foucault sind nicht rational, sie folgen nicht logisch aus den 45 vorhergenden Seiten. Die Pflichtbindungen, denen Taylor sein Denken unterwirft, sind schon disparat genug: praktische Philosophie, analytische Kritik, »habits of the heart«. Und wie allen Pragmatikern geht Taylor die Lust an heuristischen Experimenten ab, fehlt ihm der Möglichkeitssinn. Foucaults Denken kennt dagegen nicht nur den Konjunktiv, sondern darüber hinaus den Optativ, diesen im Zuge der frühneuzeitlichen Modernisierung verlorengegangenen Modus des Verbs.

Die Emphase der humanistischen Selbstverwirklichung kommt auf den Hund – und zwar dort, wo sie gegen die Idee der Selbsterfindung (Nietzsche) polemisiert. Ungute Gefühle kommen auf: so war das nicht gemeint. Selbstverwirklichung bleibt ein rückbindendes Unterfangen eher als ein entgrenzendes. Es geht nicht um die Herstellung, sondern um die Entzifferung des Selbst … und die performative Geste der Verwirklichung des Selbst zielt letztlich doch auf Ent-Sagung.

Man könnte behaupten, daß dem heute nicht mehr so ist. Der Incroyable, der Beau, der Hochstapler, der Dandy, bzw. ihre modernen Abkömmlinge Camps, Mods, Emos usw. verschrecken den Bürger nicht mehr, weil es den Bourgeois nicht mehr gibt. Aber Ästhetik der Existenz ist ja nicht – und war nie – bloß ästhetische Revolte. Als Revolte konterkariert sie das Faktische ästhetisch, bleibt aber eben dadurch von Gegebenheiten abhängig: eine Revolte ist nie grundlos.

Für Jean Genets ästhetische Selbsterfindung (als Krimineller) gab es keinen hinreichenden Grund. Wie Edmund White in seiner profunden Biographie gezeigt hat, hatte Genet eine erstaunlich unbeschwerte Kindheit – erstaunlich für einen Fürsorgezögling, den die Gründungsgewalt einer tief-empfundenen Verletzung, eines einschneidendes Ereignisses zum poetischen Helden, zur Stilfigur und zu einem der bedeutendsten Dichter Frankreichs gemacht haben soll. Nicht Genet litt und wurde stigmatisiert – Cullaffroy, ein etwas älterer und von Genet bewunderter Junge aus Alligny, hatte unter der Härte und Willkür seiner Stiefeltern zu leiden. (Cullaffroy wurde später erfolgreicher Brotfabrikant in Troyes). Das Beispiel des Freundes mochte Genet für die versteckten Machtbeziehungen sensibilisiert haben, die auch seine Existenz beherrschten: wenn die Regniers freundlich zu ihm waren, dann nur weil sie freundlich zu sein beliebten. Konsequenterweise hätte Genet sein Heil als Politiker, Lehrer oder Moralist finden müssen. Tat er aber nicht.

Genet führt vor, wie die Ästhetik der Existenz in der ästhetischen Revolte stecken bleibt. Sein Schicksal ist ein erfundendes, aber erfundene Schicksale sind in einem innerweltlich-neuzeitlichen Sinne, in dem Schönheitsideale tragischer oder rein kontemplativer, niemals aber kommödiantischer Natur sind (the sublime vs. the ridicolous), nicht ästhetisierbar. Es mangelt ihnen an Poesie. Für die Kohärenz, den poetischen Plot der Geschichte hat schließlich Sartre2 gesorgt, noch zu Lebzeiten des Dichters und es verwundert nicht, das Genet – weil er weiterleben wollte – sich gegen Ende heftig gegen Sartre gewehrt hat, obwohl er als Mensch gegen seinen Mythos keinerlei Chance hatte.

Genets Schicksal mußte als erlittenes vorgestellt werden, als „lebenskünstlerisch“ zu entzifferndes: das meint Selbstverwirklichung – gegen eine grundlose Selbsterfindung, die nicht als schön gilt. Bis in die Herzfasern hinein. Wunden adeln. Es ist ein wohliges Gefühl, sich auf Blessuren berufen zu können.

  1. Charles Taylor (1988). Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus. Frankfurt: Suhrkamp [zurück]
  2. Jean Paul Sartre (1952). Saint Genet, comédien et martyr. Paris: Gallimard [zurück]

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