Archiv für Juni 2010

Absolute Wilson

Ich wurde gebeten, ein Programm mit straffälligen Kindern in Waco zu machen. Nach zehn Minuten kam eine der Mütter auf die Bühne, holte ihren Sohn von der Bühne und sagte, alle Mütter sollten das tun, das sei krank. Und mein Vater sagte: »Mein Sohn, das ist nicht nur krank, das ist abnorm!«

Und Robert Wilson amüsiert sich königlich über diese Reaktionen. Aber eigentlich haben diese Mütter und eigentlich hat sein Vater recht: Eine Arbeit mit Robert Wilson kann niemals Strafe sein. Arbeit mit Robert Wilson funktioniert weder als texanische Vergeltung noch als europäische Resozialisierung. Ein Abarbeiten, ein Vergelten von Schuld kann das nicht sein. Eine Wertschätzung abstrakter Arbeit ist das ebensowenig. Diese Arbeit produziert keinen Tausch-Wert. Sie objektiviert reine Lust.

Unlust des Wissenwollens

Für Peter Schulte-Stracke

Das Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin beherbergt die größte Freihandbibliothek Deutschlands. Immer wenn ich dort bin, begeistern mich die architektonischen Linien: die Vertikale behauptet sich gegen alle Brechungen. Äußerlich ist die lebendige geistige Himmelsstürmerei ein Block, Pendant zu Micha Ullmans Mahnmal der Bücherverbrennung auf dem August-Bebel-Platz, der „versenkten Bibliothek“. Sobald man aber diesen Tempel der Aufklärung betritt, ändert sich seine Gestalt in die einer kopfstehenden Stufen-Pyramide. Eine genaue Segmentierung von Buch- und Buchzwischenraum im Verhältnis 1:1 hat regelmäßige Fensternischen entstehen lassen, die in ihrer Anordnung Batterien altrömischer Schiebegräber ähneln. Man hat in diesem ad-libitum-Paradies des Geistes unweigerlich das Gefühl, erschlagen zu werden. Was sich hier akkumuliert, ist nicht einfach nur das universelle Wissen der Menschheit, sondern vor allem Zeit: das zeitlich Ferne wird nach oben ausgelagert. Der Archäologe des Wissens muß nach ganz oben. Jedes papierene Grab erhebt den Anspruch, erweckt zu werden. Jedes achtlose Vorbeigehen während des Aufstiegs bewirkt ein schlechtes Gewissen. Ein Lebensalter genügt nicht, sich gegen die Wucht toter Geschlechter zu behaupten. Hat man erkannt, daß nichts und niemand verloren gegeben werden darf, ist die Vertige perfekt.
Erinnerung an ein Kinderbuch, das eine Technik des geistigen Schlaraffenlandes vorstellt: mittels eines Trichters wird dem Kind das Substrat des Wissens und der Erkenntnisse direkt ins Hirn geträufelt. Der Trichter wird mit Büchern befüllt. Aber selbst diese Technik muß vor der schieren Füllmasse kapitulieren. Ein Lebensalter genügt nicht, diese Arbeit am Einzelnen zu verrichten.
Im Erdgeschoß des Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums befindet sich eine Ausstellung. Ein Satz, den ich im Unlust-Taumel vor soviel Gelehrsamkeit auf der Flucht ins Freie gerade noch erhasche, lautet: »Vom Nutzen der Freiheit und der Wissenschaft«. Blitzartig die Assoziation eines Nietzsche-Titels: »Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben«. Der Nutzen des Wissens ist so unbestreitbar wie die Tatsache, daß wir alle Kinder der Aufklärung sind. Was mir fehlt, ist das individuell erfahrbare Negativ dieser Behauptung, dem sich die kollektive Reflexion offenbar verweigert.

Eigensinn statt Freiheit


Eingang des Menschen in die selbstgewählte Unmündigkeit? Uros Petrovic nach gelungener Flucht in die „Unfreiheit“. Blue Gypsy Segment aus All the Invisible Children (2005)

Emir Kosturicas Blick auf die Welt ist eigenartig. Eine pathetische Welt ohne Pathos. Magie ohne das, was Adorno »blutige Unwahrheit« nennt. Die Entgegensetzung von Freiheit und Zwang fehlt. Die Dialektik von Herr und Knecht fehlt. Das mag es ja geben, allein: es interessiert nicht. Das Unbehagen an Kosturicas Filmen beweist dem europäischen Zuschauer, wie sehr er die liberalen Grundwerte verinnerlicht und geheiligt hat – derart, dass sie ihm als »artifizielle Tugenden« (David Hume) unkenntlich geworden sind. Die Welt ist malad. Das Projekt der Zivilisation? Heilige Scheiße! Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Ach was. Ein Naturrecht hat es nie gegeben.

Blue Gypsy: Der Anstaltsleiter ist genau so ein aberwitziger Kindskopf wie seine verrückten Zöglinge. »Wenn du hier brav bist, lassen sie dich spielen: was du willst, wann du willst und so oft du willst«. Dialektik von drinnen und draußen. Parteinahme für den Zwang? Glück der Enklave? Feier des Asyls? Trifft es das überhaupt oder gehen hier Kategorien zuschanden? Und warum ist das nicht  n u r  traurig?

In der Welt draußen sterben die auseinanderstrebenden Elemente den Kältetod. In der Welt drinnen ist das Verhältnis des Raums, den die Körper einnehmen zum Aktionsraum  z w i s c h e n  den Körpern genau richtig. Das ist das entscheidende: nicht die Struktur, die Anordnung oder die „Position“ der Elemente, allein ihr Volumen und ihre (im übrigen höchst individuelle = idiosynkratische) Intensität.

Der Mensch ist grundsouverän, das Subjekt eine Chimäre. Und der Mensch ist gleich: in seiner irrationalen Vitalität, in seiner Erbärmlichkeit. Das transzendentale Subjekt ist ein Geschöpf des Jammertals. Es ist zum Lachen. Wir trinken Slibovitz. Wir hören Zigeunermusik: was für ein großartiger Sound! (mehr…)