Archiv für Mai 2011

Berühren · Touchieren · Antatschen

… ist eine Reihung von Begriffen, deren Verwandtschaft lediglich durch ihre etymologische Wurzel bezeugt werden kann. Semantisch treiben die Begriffe auseinander. Das Bezeichnete ist sogar dann meilenweit voneinander entfernt, wenn mit den Bezeichnungen identische Tathandlungen beschrieben werden. Eine ähnliche Reihung bringt Clifford Geertz in seinem berühmten eth(n)ologischen Basistext über Zucken, Zwinkern, Blinzeln.

Interessant sind in diesem Zusammenhang Versuche, unser (alteuropäisches) Klassifikationsmodell, wonach es genügen muß, einen Gattungsbegriff und eine spezifische Differenz anzugeben (Genus proximum & differentia specifica), aufzulösen und durch ein Spiel der Ähnlichkeiten, Assoziationen und Ansteckungsfähigkeiten zu ersetzen. Das Modell gibt Wittgenstein mit dem, was er Familienähnlichkeiten nennt.

Ein Beispiel liefert Kai Müller mit seinem Tagesspiegel-Artikel vom 21.03.2011. Ein ziemlich hinterhältiger Text, der allerdings so nur in deutscher Sprache funktioniert. Die zweite Hälfte des Artikels habe ich geschnitten, sie ist für das Gemeinte nicht mehr relevant:

Justin Bieber: Sag’ niemals nie

Der kanadische Sänger Justin Bieber ist ein blasser, schmaler Junge mit in die Stirn gekämmten Haaren, der weltweit Millionen Menschen berührt.

Als der amerikanische TV-Entertainer Steven Colbert vergangenes Jahr für einen Grammy nominiert war – er hatte eine CD mit Weihnachtsliedern aufgenommen –, begegnete er auf dem roten Teppich einem 16-jährigen Knaben aus Kanada. Fotografen schrien: ein gemeinsames Foto! Colbert legte seinen Arm väterlich um den Jungen, ein Lächeln. Blitz.

Später, in seiner Sendung, zeigte Colbert das Foto voller Stolz. Seht her, sagte er, da schlug meine große Stunde, „als ich Justin Bieber traf und ihn berührte“. Dann stockte Colbert kurz. Was hatte er da eben gesagt? Darf man das, einen 16-Jährigen „berühren“? Dann wandte er sich an die Regie, man möge den Satz unbedingt herausschneiden.

I have never touched Justin Bieber!“