Archiv für Mai 2012

Gegen den Kult des Kindes

Wenn man davon ausgeht, dass mit dem Lacan’schen Begriffsapparat heute noch gültige Aussagen über die Weltgesellschaft (europäischer Herkunft) getroffen werden können, wenn man also auf den „realen“, „idiotischen“, sich dem Sinn entziehenden, unteilbaren Kern der Weltpolitik rekurrieren will – dem gleichwohl aller Sinn entfließt – dann kann man wohl sagen, dass Lee Edelman’s Buch No Future: Queer Theory and the Death Drive (2004) einiges hermacht. Zumal für eine Theorie der Lust ist Lacan vermutlich eine der unhintergehbaren Quellen: Lust, die gerade in ihrer merkwürdigsten individuellsten Ausprägung (als jouissance) ihrem Träger fremd bleibt, ihn wahrscheinlich nur als Intermedium gebraucht. Merkwürdig bleibt – und geprüft werden müßte – ob Lacan die gesellschaftliche Ordnung ebenso wie Lee Edelmann auf eine „fetischistische, identitätsstiftende jouissance“, d.h. auf ein stumpfsinniges, zur sinnlosen ritualistischen Wiederholung neigendes, dem Todestrieb verwandtes basales Genießen-Wollen zurückführen würde. Auf diese Art und Weise politisiert Edelman Lacan und repolitisiert er die Queer Theory. Und er hat ja Recht: der Beifall, der einer liberalen Schwulenpolitik gespendet wird, ist ranzig. Selbst Obamas Ja zur Schwulenehe (erst kürzlich) wird uns in den Medien unisono als ephemer revolutionärer Akt verkauft. Queer Politics sind auf eine heimtückische Art konformistisch geworden. Aber wie genau? (mehr…)