Retromania (The future is kid stuff II)

Eine fragwürdige Rückwärtsgewandtheit erkennt Reynolds auch in der Musik, die heute gemeinhin als Avantgarde durchgeht und die Reynolds unter dem Label „Hauntology“ zusammenfasst. Mit diesem Begriff beschrieb Jacques Derrida Anfang der neunziger Jahre die Marxschen Ideen, die die Gegenwart immer wieder heimsuchen wie Gespenster. Reynolds verwendet den Begriff für einen Musikstil, der sich um die Musiker des britischen Labels Ghost Box entwickelte und mit dem Album „Music Has the Right to Children“ der Band Boards of Canada im Jahr 1998 begann. Reynolds war sofort angetan von deren Musik.

Nie zuvor war ihm eine derartige Obsession für die Vergangenheit zu Ohren gekommen: Voice-Overs aus Naturdokumentationen, dazu gesampelte Kinderstimmen, ein psychedelischer analog-digitaler Mix, der Sehnsüchte nach einer Kindheit weckte, bei der man sich nie sicher sein konnte, ob es sich um eigene Erinnerungen oder Fernsehbilder handelte. Auch die Avantgarde-Musik wird also von einer Stimmung des Verlusts angetrieben. Reynolds erkennt in ihr die Anrufung einer kollektiven, nationalen Erinnerung an die goldenen Jahre des Wachstums und des Wohlstandsversprechens der sechziger und siebziger Jahre.

Sebastian Dörfler über Simon Reynolds Retromania (jetzt in deutscher Übersetzung) in der FAZ, 5.12.2012, S. 26.

Vgl. Edelman: »All of these fantasies re­pro­du­ce the past, through dis­pla­ce­ment, in the form of the fu­ture by con­st­ruing fu­tu­ri­ty its­elf as me­rely a form of re­pro­duc­tion.«


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