DEFA 1

Großes Kino hat die DDR nicht hervorgebracht. Dieser Umstand ist erklärungsbedürftig. Die Dürftigkeit ihres Filmschaffens gegenüber etwa der Qualität und Masse ihrer literarischen Produktion scheint nicht in technischer oder personaler Not begründet. Auch die kulturelle Planwirtschaft – mit der nährenden Mutter DEFA als einziger Filmpoduzentin – lähmte nicht die Produktivität: es hat kein Disengangement, keinen Schlendrian gegeben. Noch weniger ist es jene spezifische Eigentümlichkeit der DEFA, Filmkust im Kollektiv hervorzubringen und zu verantworten1, die den Mangel an Innovation und internationaler Beachtung erkären kann. Was dann?

Dieses merkwürdige Kulturphänomen DDR: ohne das solidarisch-kritische – d.h. nicht basal kynische oder zynische – Bündnis zwischen Geist und Macht ist es nicht zu verstehen. Heißt auch: nicht ohne den Glauben an die utopische Morgenröte, nicht ohne den ureuropäischen Traum von der Zerstreuung der Macht mittels Erziehung ihrer Repräsentanten. In diesem Sinne war die DDR ein Märchenland, im Unterschied zum eskapistischen Fantasy-Land BRD. Das liebenswürdige Väterchen Frost als Blaupause für Stalin. Dass man  d e n  noch in den Knochen hatte, als der Name längst getilgt, ist nicht einmal als intellektuelle Korrumpierung zu verstehen. Historisches Bewußtsein war vorhanden: kritisch abwägende Aneignung der eigenen Geschichte vor dem Hintergrund von Klassenkämpfen, Krieg und Faschismus. Voluntaristisch war der Kinderglaube an das Gute im Menschen, der Wunsch nach Konsens und Bejahung – davon brauchte es nicht viel. Aber was davon blieb, verteidigte man mit Leibeskräften eher als mit dem Verstand. Keiner der hoffnungsvollen Kreativen hatte ernsthaft eine Aufkündigung der Solidarität erwogen.

Die Filmschaffenden mehr als die Literaten täuschten sich über die Asymetrie Geist-Macht. Man wußte, dass das audiovisuelle Medium – zumal im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit – ein Machtinstrument ist, dass es Kollektive und Gesellschaften mobilisieren konnte, und die Aussicht, über deren guten, vernunftaffinen Einsatz im Geiste brüderlicher Kollegialität mit der Staatsmacht verfügen zu können, manövrierte sie in einen illusionären Taumel. Tatsächlich produzierte die DEFA bis zum Jahr 1965 ganz beachtliche, auch ästhetisch innovative Filme. Das 11. ZK-Plenum, auf dem zunächst die Hälfte einer ganzen Jahresproduktion verboten und infolgedessen laufende Projekte „freiwillig selbstkontrolliert“ eingestampft wurden, muß die Branche wie eine Schockwelle getroffen haben. Die Überschätzung des Mediums Film durch die Politbürokratie, über Jahre gefühlt und den Machern Auftrieb gebend, offenbarte ihren über Jahre wirkenden Urgrund: Mißtrauen und Paranoia der Macht. Dass die Künstler, mit den Worten Egon Günthers,   d a s  Wort sagen,  d a s  Bild zeigen könnten, das mit einem Schlage alle errungene Macht vernichten, hinfällig machen würde, offenbart nicht nur eine maßlose Verkennung der Möglichkeiten künstlerischer Subversion. Die Macht negiert den Geist, indem sie ihn als reines Machtvehikel gelten und an sich teilhaben läßt. Der Preis ist der Verfall der Allianz zwischen Geist und Macht im Streben auf etwas, das den bloßen Machterhalt transzendiert. Das ist das eigentliche Drama des berüchtigten 11. Plenums: die Utopie wird zur Phrase. Noch 25 Jahre lang leben die Künstler, Intellektuellen und Filmschaffenden mit dieser Phrase wider besseren Wissens. Zu Konkurrenten in der Macht (mit ihren anders gearteten Mitteln), zu Diversanten und Feinden gestempelt – die sie nie sein wollten und zu denen sie trotz aller nun hinzukommenden Verachtung niemals werden.

Sicher hat die Schwachbrüstigkeit und internationale Bedeutungslosigkeit des DEFA-Films in den 70er und 80er Jahren etwas mit fehlendem Wagemut zu tun: Selbstzensur tritt an erste Stelle. Ästhetisch hatte man bis in die 60er Jahre hinein alle Register gezogen: man war expressionistisch, neorealistisch, integrierte Elemente des film noir und der Nouvelle Vague – nun bewegte man sich in konventionelleren Bahnen. Neben einer Menge Belanglosem imponieren Filme, die auf immer feinsinnigere Weise Gesellschaftskritik üben – in der Hoffnung, die Saat irgendwann aufgehen zu lassen (Bekanntlich interessierte sich bald schon keiner mehr für diese Kritik, heute versteht sie keiner mehr). Das Rezept der Filmemacher zum Erhalt ihres Refugiums war das gewollte Understatement. Wenn man die Führung schon nicht von der politischen Linientreue überzeugen kann, dann vielleicht vom eigenen Unvermögen, Bilder überhaupt mächtig werden zu lassen: seht her, wir haben keinen Polanski, keinen Tarkowski in unseren Reihen. Dem korrespondiert, dass die DDR keine Filmstars, allenfalls Fernsehlieblinge hervorgebracht hat. An markanten Gesichtern, Sympathien und schauspielerischem Talent hat es nicht gefehlt, aber es blieb, wie Renate Krössner treffend formulierte, »alles so intern«.

  1. Die KAG’s und Herstellungsgruppen waren nicht nur echt demokratische Labore, sie konterkarieren als alternative Praxis den bürgerlichen Mythos der Autonomie des Künstlers und das „Wunder seines schöpferischen Genies“. Dazu Pierre Bourdieu, Aber wer hat denn die »Schöpfer« geschaffen? In: Soziologische Fragen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993. [zurück]

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