Ethische Monstren


Das große Heft / Le grand cahier Titel der 2013
bei Piper erschienenen Ausgabe.

Die ungarische Schriftstellerin Agota Kristof schrieb diesen Roman, der 1986 in Paris erschien, in einer fremden Sprache.

Inzwischen ist die Geschichte verfilmt worden. Der Film erzählt die grand recit von Le grand cahir – unter Aussparung einiger nicht ganz unbedeutender sexueller Szenen – getreu nach: um ihren beiden neunjährigen Zwillingen das Überleben im Krieg zu sichern, schafft ihre Mutter sie aufs Land. Die Großmutter wohnt allein, mit einem Offizier als gelegentlichem Untermieter, im letzten Haus am Rande einer kleinen Stadt, unweit einer schwer bewachten Grenze zu umkämpftem Gebiet. Sie nimmt die Jungen nur widerwillig auf. Die Zwillinge passen sich ihrer neuen Umgebung an und überleben den Krieg. Als die Mutter zurückkehrt, um ihre Kinder abzuholen, wollen diese nicht fort. Die Mutter stirbt mit einem Säugling auf dem Arm vor den Augen ihrer Söhne durch eine Granatenexplosion. Jahre später – die Großmutter ist inzwischen auf ihren Wunsch hin und mithilfe ihrer Enkel durch Gift zu Tode gekommen – taucht der Vater auf. Er ist bei den neuen Machthabern in Ungnade gefallen und und bittet seine Kinder, ihm bei der Flucht über die Grenze zu helfen. Im Sperrstreifen tritt der Vater auf eine Mine und kommt ums Leben – aber die Detonation ermöglicht es einem der Jungen über die Grenze zu entkommen. »Derjenige, der zurückbleibt, kehrt in Großmutters Haus zurück.«

Das Buch ist atemberaubend, 160 Seiten für eine durchwachte Nacht. Der Film eine gutgemeinte Katastrophe. Indem er den großen Handlungsbogen schlägt und konventionell erzählt, verfehlt er den wesentlichen Inhalt. Hunger, Entbehrung, körperliche Mißhandlung, Verrohung, Mord, Auslöschung der gesamten Familie: ein lückenloses Pitaval des entfesselten Krieges. Klassische Antikriegsliteratur, nur eindringlicher, unnachgiebiger als jemals zuvor? Nein! All das zitierte Fürchterliche findet statt – aber die Jungen verrohen ja gar nicht. Die Poetik Agota Kristofs arbeitet nur einem einzigen kathartischen Höhepunkt entgegen: der Trennung der Zwillinge. Und auch die Katharsis wird vereitelt: die Trennung ist grotesk, völlig unverständlich. Der Schnitt durch’s Herz: zu schnell, zu stumm für eine Tragödie.


»… sie sind schön, findest du nicht?« Ulrich Thomsen als Offizier. Szene aus dem Film von János Szász, 2013.

Das Thema des Buches: die Entwicklung und Exemplifizierung eines ethischen Ideals, einer ethischen Monströsität, wie Slavoj Žižek es nennt. Die Jungen tun, was getan werden muß, in einer seltsamen Koinzidenz von blinder Spontaneität und reflexiver Distanz. Sie strafen, sie helfen anderen, sie befriedigen deren verrückteste Leidenschaften, sie ‚lieben‘, ohne sich dabei auf Nähe und Gegenseitigkeit verpflichten zu lassen. Der ‚pädo-masochistische‘ deutsche Offizier erfaßt sie – stellvertretend für den Leser – richtig: als kaltblütige und liebenswürdige Idole. Sie verwirklichen eine Menschenmöglichkeit, die wir nicht mehr anders verstehen, denn als vorzivilisiert, oder schlimmer: als Defekt einer naturgemäßen Erziehung der Gefühle – und/denn wir können sie nur als Widerspruch versprachlichen. Agota Kristoff macht eine Geschichte daraus. Sie ist großartig.


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