Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung*



* Untertitel von K. Rutschkys Schwarze Pädagogik – Hefttitel des STERN: 2008 und 2015

Nachdem der STERN bereits 2008 das ‚Monsterkind‘ in herausfordernder Pose plakatierte (»Los, erzieht mich!«), geht er in seiner aktuellen Ausgabe mit ähnlichlautendem Titel aufs Ganze: »Kinder fordern: Eltern, erzieht uns!« – So das angebliche Fazit einer Studie von Marktpsychologen, die der STERN in Auftrag gegeben hat.

Dabei fördern die Befragungen eigentlich nur Bekanntes zutage: Kinder wünschen sich Zeit, Verständnis, ernstzunehmende Erwachsene, sich liebende Eltern. Der common-sense-Begriff der Erziehung verweist indes – trotz aller Rettungsversuche pädagogisch Tätiger – auf seine Gründungsakte in bürgerlicher Frühzeit, in denen qua Unmündigkeitserklärung der Kinder Herrschaft, Heteronomie, Zucht und strukturelle Gewalt legitimiert wurden. Passager, aber ‚ganzheitlich‘! Auf diesen common sense spekuliert der STERN und skandiert damit die seit über einem Jahrzehnt von Hickethier, Siggelkow, Gaschke, Winterhoff und Konsorten propagierte (Familien-)Erziehungsoffensive. Heil der liebevollen Strenge!

Pippi Langstrumpf war gestern. Zweifellos auch sie eine Projektion Erwachsener, Modell und Ermutigung. STERN verkauft uns Erziehung dreist als natürliche condition humaine, sanktioniert durch die ‚authentische Stimme‘ der Zu-Erziehenden selbst.1 Das ist der Brüller des Monats.

Es ist geradezu ein Musterbeispiel für die von Roland Barthes analysierten Mythen des Alltags – Analogon zum ‚Neger‘, der der französischen Fahne seinen Gruß entbietet. Als Entschuldigung für die (Re-)Hierarchisierung und die hierin eingebundene spezielle Verhaltensbereitschaft gegenüber dem Diminutiv Kind funktioniert das unterstellte Begehren, erzogen zu werden, analog zur exkulpierenden Phantasie amerikanischer Eltern, die ihre Kinder for their own good auf den Hintern schlagen: »Deep down inside they know they need it!« Das verschwiegene deep downcover up im STERN.

  1. Der Widerspruch in Neil Postmans Ruf nach Erziehung ist ausradiert: vom Wissen über die historischen Konstruktions- u. Zurichtungsbedingungen der Kindheit auf der einen und der Klage um das Verschwinden der Kindheit auf der anderen Seite, bleibt nur letztere: mit Dummheit und Militanz gerüstet. [zurück]

0 Antworten auf „Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung*“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


× neun = vierundfünzig