Tödlich-tragische Finalität

Pädophilie, behauptet die Kulturwissenschaftlerin Marta Georgi mit Blick auf die jüngsten ‚Enthüllungen‘, sei gar keine Eigenschaft konkreter Individuen. Die Ontogenese der Pädophilie sei reine Mystifikation. Sie folge einem heute gängigen Muster der Rationalisierung sexueller Vorlieben als (zweiter) Natur, einem unentschiedenen Streit: Anlage oder Umwelt. Es sind die Gene, sagen die einen. Frühkindliche oder sozialisatorische Einflüsse, die anderen. Tertium datur, sagt Marta Georgi. Es ist keines von beidem, sondern ein Drittes: Geschichte.

  • Das ist aber eine exzentrische Position.
  • Nur eine unbrauchbare. Brauchbarer ist: Da ist ein soziales Problem, das es zu lösen gilt. Also Ursachenfoschung. Die Ursache wird individualisiert.
  • Ist das eine kapitalistische Lösung?
  • Jedenfalls eine moderne. Das Problem erscheint also als Summe der Probleme, die einzelne Individuen darstellen. Sie stellen, so wird behauptet, es auch für sich selber dar. Keiner kann pädophil sein wollen. Der Pädophile wird für sein Problem, das in ihm steckt und ihn befallen hat wie eine schlimme Krankheit, nicht verantwortlich gemacht, nur für seinen Umgang damit.
  • Das soll eine Lösung sein?
  • Es ist zumindest eine Lokalisierung.
  • Es delegiert das soziale Problem.
  • Es verteidigt es, hält es fest. Man muß das Positive sehen: das Problem erschließt neue Aufgabenfelder in der Medizin, der Pädagogik und der Therapie. Solange der Ursachenstreit unentschieden ist, kann hier geforscht und gearbeitet werden. Solange ein Schicksal nicht zurechenbar ist und nicht verhindert werden kann, gibt es ein Betätigungsfeld für professionelle Helfer. Es ist natürlich einfacher, einzelne Menschen zu behandeln und zu kontrollieren. Mit Gesellschaften geht das nicht.
  • Gibt es überhaupt ein Problem?
  • Ja, die Pädophilie. Ich halte mich an das, was der Diskurs als Problem definiert.
  • Es gibt doch aber verschiedene Diskurse: medizinische, pädagogische, politische, Stammtisch- und Minderheitendiskurse, poetische, ikonographische …
  • Man kann Reichweiten und Schwerkraft bestimmen. Man kann aus dem massenmedialen Diskurs, gerade weil er so irrational ist, auf seine Wirkmächtigkeit schließen. Es gibt diesen einen. Er ist auf das Niveau einer Selbstverständlichkeit, auf Quasi-Natur gesunken und bestimmt nun alle anderen. Deswegen Geschichte. Dieser Diskurs erzählt einen Mythos. Der Mythos, hat Heiner Müller einmal gesagt, ist ein Aggregat, eine Maschine, an die immer neue Maschinen angeschlossen werden können. Er liefert die Energie. Solange er welche hat.
  • Ich weiß nicht, ob ich das verstanden habe …
  • Reduziert man Pädophilie nach heutiger Lesart auf einen Plot, so fällt auf, dass alle Zeitungen, alle Berichte, alle Politik und die allermeisten Filme heute auf dieselbe Story rekurrieren: Tragische und/oder tödliche Finalität. Das macht seine ästhetische Attraktion aus – ein weiteres Positives. Man kann die Story konsumieren wie einen Krimi, der uns hinsichtlich seiner Identifikationsangebote und Projektionsmöglichkeiten nicht irritiert. Im Prinzip leichte Kost, Popart. Eigentlich eine Gothic Novel, eine Schauergeschichte, wie James R. Kincaid konstatiert. Tägliches Training: wir gegen das pädophile Monstrum. Das Monstrum ist die wahrgewordene Märchenfigur aus Kindertagen.
  • Aber der pädophile Plot ist kein Märchen.
  • Nein. Er ist eine Horrorstory, ein Märchen ohne Happy End. In nuce: der Pädophile umlauert, umgarnt das Kind. Der verwissenschftlichte Ausdruck dafür lautet: Grooming. Er lockt es in eine Falle. Er begeht eine sexuelle Handlung am Kind, im Fachjargon: einen Übergriff. Das Kind ist damit in den Brunnen gefallen, traumatisiert, d.h. es mag zwar physisch weiter existieren, „überlebt haben“, aber seine Seele ist gemordet worden. Begeht das Monstrum weitere Taten am selben Kind, kommt zur Kinderschändung eine Art Leichenschändung hinzu, der stets leere (vampiristisch entleerte) Blick des Kindes zeigt es an. Die Geschichte endet also stets tödlich. Es gibt eine sexualwissenschaftliche Variation aus der Perspektive des Monstrums: hier ist der Ausgang tragisch. Ein endloser Wiederholungszwang: der glücklose, manchmal sympathisch gezeichnete, durchaus auch mal attraktive Vampir. Aber prinzipiell dieselbe Story.
  • Um den Mythos zu entzaubern, müßte die tatsächliche Wirkung der sexuellen Handlung am Kind festgestellt werden … ?
  • Der Sex ist tatsächlich nur Index, aber ein brauchbarer. Für uns alle ist Sex die persönlichste Form der Kommunikation. Außerdem ist er, laut Niklas Luhmann, als sog. symbiotischer Mechanismus in Liebe, Liebe unter erwachsenen Partnern integriert, oder, mit Anthony Giddens gesprochen, der Kit sogenannter reiner Beziehungen. Wir haben hier nun aber ein abstraktes Kind und einen Erwachsenen. Auch wenn das Kind – unter Gleichaltrigen z.B. oder in der Familie – persönliche Beziehungen unterhält, so entspricht das nicht unserer Wahrnehmung vom richtigen Kind. Erst in der Dämmerung, also irgendwann in der Zukunft vielleicht, nimmt die Eule der Minerva das so wahr, aber wir wollen von unseren Kind-Imagos nicht Abschied nehmen. Und dieses Kind ist pädagogisches Kind – mit zuständigen Erwachsenen an seiner Seite.
  • Und ein liebliches Objekt.
  • Ja. So wie es bereits bei Schiller, bei Kleist oder in den Schriften der Philantropen um 1800 auf das genaueste beschrieben wurde. Auch diese attraktive Lieblichkeit ist durch den pädophilen Übergriff bedroht. Mit der Unschuld ist nichts anzufangen, sie kann nur verloren gehen oder zerstört werden. Attraktivität und Bedrohlichkeit des pädophilen Plots entzünden sich am Bild der erotic innocence, der erotischen Unschuld.
  • Akzent auf Erotik.
  • Akzent auf Erotik. Es handelt sich um eine contradictio in adjecto, einen echten Widerspruch, ein wirkliches Problem. Aber dieses Problem ist einmal mehr nicht das Problem einzelner Pädophiler, auf die es projiziert wird, sondern das Problem gesellschaftlicher Wahrnehmung.
  • Der Pädophile ein nützlicher Popanz?
  • Ich kenne überhaupt keine Pädophilen. Ich gehe aber davon aus, dass es Menschen gibt, die sich intime, sexuelle Beziehungen zu Jungen oder Mädchen wünschen. Die haben notwendigerweise ein Problem mit dem pädophilen Plot. Als alternativloser entfaltet er sicher eine gewisse generalpräventive Wirkung im Sinne des Strafrechts. Aber diese Alternativlosigkeit ist eine Lüge. Sie ist allerdings nicht zurechenbar.
  • Wie ist das zu verstehen?
  • Ein junger Mann von ungefähr 20 Jahren besucht mit seiner Freundin einen Mann um die 50 in dessen Garten. Dieser ältere hatte für eine gewisse Zeitspanne eine große Bedeutung für den Jungen. Diese Vergangenheit will er seiner neuen Freundin vorführen. Vielleicht verschweigt er dabei, dass diese Freundschaft bereits vor neun Jahren begann. Vielleicht erfindet er eine Legende vom guten Onkel oder Ersatzvater. Sicher verschweigt er alles sexuelle in der Beziehung. Es ist auch unerheblich.
  • Das wäre die Alternative: nicht tragisch, nicht tödlich.
  • Nur passager.
  • Wieso nicht zurechenbar? Wenn es doch eine erkennbare Alternative gibt?
  • Wir sind alle Teil dieser Kultur und seiner Geschichte. Liebe, Kindheit, Erziehung, Sexualität sind für uns mehr oder weniger selbstverständliche Kategorien, unhinterfragte Gewißheiten, verläßliche Institutionen. Die Geschichte des 50jährigen und seines Jungen wirbelt da einiges durcheinander. Der Intellekt mag das begreifen, unser Gefühl muß kotzen. Basal ist das Gefühl, Sediment von Geschichte.
  • Warum muß das tertium datur, warum müssen die Alternativen gestärkt werden? Ist das eine moralische Frage?
  • Das tertium datur ist eine Frage der intelektuellen Redlichkeit. Oder auch des Ausbruchs aus der Fachidiotie. Ein Gebot reflexiver Modernisierung. Sexuelle Identitäten sind nicht in Gott oder der Natur begründet, sondern historisch. Eine Alternative zur tödlichen Finalität des Pädo-Plots zu bedenken ist, wenn man so will, tatsächlich ein moralisches Gebot.
  • Zum Schutz der Täter?
  • Man kann sich um die Gesellschaft sorgen, die diesen Plot produziert und sich daran delektiert. Den minoritären Kampf gegen den Präventionsstaat, Vorratsdatenspeicherung und Psychiatrisierung gibt es bereits, aber er macht regelmäßig vor diesem Plot Halt. Das ist aktive Beglaubigung. Für die Pädophilen zumindest brauchen wir die Sicherungsverwahrung. An der Diagnostik wird bereits gearbeitet. Und die verwahrten Menschen sind solche aus Fleisch und Blut, keine Figuren schauerlicher Geschichten mehr.
  • Und?
  • Für die Moral sind wir Wissenschaftler nicht zuständig. Das Böse ist keine Kategorie. Es gibt aber wohl einen moralischen Horizont für moderne Gesellschaften. Ich muß immer an Hannah Arendts Problem mit Adolf Eichmann denken. Die Lüge der Alternativlosigkeit zur Vernichtung war Eichmann persönlich nicht zurechenbar, er teilte sie mit dem Regime, in dem er sich befand. Auch hier gab die Gesellschaft den Plot vor. Wie ist seine Schuld persönlich zu begreifen? Arendt bringt es auf die Formel: absoluter Mangel an Vorstellungskraft. Das ist die Keimzelle des Bösen, an der Nahtstelle zwischen Individuum und Gesellschaft.
  • Die Imagination reicht nicht über den Plot hinaus.
  • Sie identifiziert sich vollständig mit ihm.

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