Archiv der Kategorie 'Bildkunst'

Will McBride ist tot

Es war abzusehen, dass er das Jahr nicht überleben würde. Er war schwer krank.

Eine späte Genugtuung – und wohl auch notwendige verkaufsfördernde Maßnahme – war die Eröffnung der c/o Foundation im Amerikahaus im vergangenen Herbst. Die Granden aus Politik und Kultur gaben sich – und ihm – die Ehre. Sein Adenauer hat Ähnlichkeiten mit einem Reptil. Nein, Will McBride ist kein Karikaturist.

Einer seiner Lehrer war Norman Rockwell, der auf so unverwechselbare Art, mit warmherziger Ironie, den amerkanischen Alltag portraitierte, als New Deal zwischen den Generationen: wir geben euch, den Kindern, neue Erlebniswelten und Ausdrucksfreiheit – aber ihr müßt auch ein wenig unserem sentimentalen Bild von Kind entsprechen: lebensfroh, übermütig, unschuldig, erotisierend. Eine friedfertig gedachte Welt. Rockwell soll McBride auch nahegelegt haben, Zeichenstift und Pinsel niederzulegen und sich besser auf die Fotografie zu konzentrieren.

Ich erinnere mich an eine kleine Veranstaltung im Innenhof und Atelier seines Hauses im Berliner Scheunenviertel, vor fast zehn Jahren. Es sollte eine Verkaufsausstellung werden – und Will war sehr betrübt darüber, dass seine Plastiken und Gemälde nicht dasselbe Interesse weckten, wie seine berühmten Fotografien. Der befreundete Dichter Thomas Böhme stahl ihm die Show. Dazu ein schöner Junge, der mit gespannter Aufmerksamkeit der Lesung lauschte. Um die Besucher richtig zu leiten, war im Torbogen die lebensgroße Plastik eines nackten Jungen aufgestellt – eine Hausnummer weiter machte zu dieser Zeit „Kind im Zentrum“ ‚Therapie‘ mit den unsublimierten Formen der Bewunderung für solche Jungen.

Meine Gedanken sind bei seinen FreundInnen und letzten Unterstützern.

Penetranzen: Moral vs. Witz

Was könnten Haltungen, Haltepunkte sein – gegen die Infragestellung einer Lust, die zur Undenkbarkeit wird, schließlich zur Infragestellung und völligen Demoralisierung der Existenz, auf die man diese Lust appliziert? Im Falle des Begehrens auf einen Jungen hin bleibt festzuhalten, dass es die Heiligung des Kindes ist, die sein Pendant im Pädophilen findet: diese Paarung „macht“ das Heilige und sanktioniert die Gewalt wie die „Vogelfreiheit“. Das Heilige – ein Relikt aus animistischen, im Prinzip barbarischen Zeiten – ist das Unberührbare und Unaussprechliche. Diese Heiligung strebt momentan einem neuen Höhepunkt entgegen: sie äußert sich in Unbehagen, das Thema überhaupt anzuschlagen, im tiefen Durchatmen, im Pathos der Entschlossenheit, wenn denn das Thema – allenfalls beschwörend, niemals konkret – angeschlagen wird, wissenschaftlich/publizistisch in Disclaimern (»ich möchte keinesfalls…«, »um Mißverständnissen vorzubeugen…«), schließlich im Tabu, über Pädophilie zu lachen … denn hier ist die Einflugschneise für die Infragestellung der Heiligkeit. (mehr…)