Archiv der Kategorie 'Das Rohe & das Gekochte'

Familienroman

I · Moment des Glücks

Es war der Hochzeitstag meiner Tante. Ich war sieben Jahre alt und hatte gemeinsam mit meiner Schwester den Weg zum Traualtar mit Blumen zu bestreuen. Auf Bildern die adrett herausgeputzen, statuarischen und sichtlich befangenen Blumenkinder mit ihren Füllhörnern. Ein Gruppenfoto mit den Anverwandten des Brautpaars, das einen ziemlich verloren wirkenden kleinen Jungen zeigt. Und, zum ersten Mal: eine Absetzbewegung. Ich wollte nicht dazugehören. Die fremden Leute machten Angst, und sie erweckten nicht den Wunsch in mir, sie für mich einzunehmen. Ich spürte zum ersten Mal ein Ressentiment gegen die »popelige Verwandtschaft« … gegen Leute, die es nicht geschafft hatten, aus der thüringischen Kleinstadt, die mein Geburtsort war, in die Metropole auszubrechen. (mehr…)

Unlust des Wissenwollens

Für Peter Schulte-Stracke

Das Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin beherbergt die größte Freihandbibliothek Deutschlands. Immer wenn ich dort bin, begeistern mich die architektonischen Linien: die Vertikale behauptet sich gegen alle Brechungen. Äußerlich ist die lebendige geistige Himmelsstürmerei ein Block, Pendant zu Micha Ullmans Mahnmal der Bücherverbrennung auf dem August-Bebel-Platz, der „versenkten Bibliothek“. Sobald man aber diesen Tempel der Aufklärung betritt, ändert sich seine Gestalt in die einer kopfstehenden Stufen-Pyramide. Eine genaue Segmentierung von Buch- und Buchzwischenraum im Verhältnis 1:1 hat regelmäßige Fensternischen entstehen lassen, die in ihrer Anordnung Batterien altrömischer Schiebegräber ähneln. Man hat in diesem ad-libitum-Paradies des Geistes unweigerlich das Gefühl, erschlagen zu werden. Was sich hier akkumuliert, ist nicht einfach nur das universelle Wissen der Menschheit, sondern vor allem Zeit: das zeitlich Ferne wird nach oben ausgelagert. Der Archäologe des Wissens muß nach ganz oben. Jedes papierene Grab erhebt den Anspruch, erweckt zu werden. Jedes achtlose Vorbeigehen während des Aufstiegs bewirkt ein schlechtes Gewissen. Ein Lebensalter genügt nicht, sich gegen die Wucht toter Geschlechter zu behaupten. Hat man erkannt, daß nichts und niemand verloren gegeben werden darf, ist die Vertige perfekt.
Erinnerung an ein Kinderbuch, das eine Technik des geistigen Schlaraffenlandes vorstellt: mittels eines Trichters wird dem Kind das Substrat des Wissens und der Erkenntnisse direkt ins Hirn geträufelt. Der Trichter wird mit Büchern befüllt. Aber selbst diese Technik muß vor der schieren Füllmasse kapitulieren. Ein Lebensalter genügt nicht, diese Arbeit am Einzelnen zu verrichten.
Im Erdgeschoß des Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums befindet sich eine Ausstellung. Ein Satz, den ich im Unlust-Taumel vor soviel Gelehrsamkeit auf der Flucht ins Freie gerade noch erhasche, lautet: »Vom Nutzen der Freiheit und der Wissenschaft«. Blitzartig die Assoziation eines Nietzsche-Titels: »Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben«. Der Nutzen des Wissens ist so unbestreitbar wie die Tatsache, daß wir alle Kinder der Aufklärung sind. Was mir fehlt, ist das individuell erfahrbare Negativ dieser Behauptung, dem sich die kollektive Reflexion offenbar verweigert.

Informed Schlemmerei

Ich würde gern einige Leute zum Essen einladen. Aber ich trau mich nicht.
Ich hatte mir ausgedacht, mal was besonderes zu kochen und zu servieren: Dhal mit Parapincha, Shir mit hellem und geröstetem Curry, dazu den leicht lila Reis, der zuerst etwas muffig schmeckt. Als Nachtisch würde es saure Mangos mit Salz, Papayastreifen und curd and honey geben. (mehr…)