Archiv der Kategorie 'Film'

Ethische Monstren


Das große Heft / Le grand cahier Titel der 2013
bei Piper erschienenen Ausgabe.

Die ungarische Schriftstellerin Agota Kristof schrieb diesen Roman, der 1986 in Paris erschien, in einer fremden Sprache. (mehr…)

DEFA 1

Großes Kino hat die DDR nicht hervorgebracht. Dieser Umstand ist erklärungsbedürftig. Die Dürftigkeit ihres Filmschaffens gegenüber etwa der Qualität und Masse ihrer literarischen Produktion scheint nicht in technischer oder personaler Not begründet. Auch die kulturelle Planwirtschaft – mit der nährenden Mutter DEFA als einziger Filmpoduzentin – lähmte nicht die Produktivität: es hat kein Disengangement, keinen Schlendrian gegeben. Noch weniger ist es jene spezifische Eigentümlichkeit der DEFA, Filmkust im Kollektiv hervorzubringen und zu verantworten1, die den Mangel an Innovation und internationaler Beachtung erkären kann. Was dann? (mehr…)

Iwans Kindheit

Andrej Tarkowskij, Autorenfilmer aus der UdSSR, später Dissident, gehört mit Sicherheit in die Reihe jener Eliten, deren Blick schon immer gen Westen gerichtet war. Es gibt in seinen Filmen keine „russische Seele“ (auch nicht im Film über den Ikonenmaler Rubljow), keinen „Sowjetmenschen“, keine Nationaltypik. Weder moralische Bedürfnisse noch ästhetisches Geschmäcklertum werden bedient und es gibt vielleicht kaum einen Regisseur, der sich so wenig darum schert, sein Publikum gut zu unterhalten. So kann das Schauen zur Tortur werden. Das ist mir bei Stalker passiert: diese Schwere, dieser geheimnis- und effektlose Surrealismus, trostlose Fatalismus, diese Selbstzerknirschung und Humorlosigkeit, diese Ödnis und Einsamkeit. Auch der Verstand kommt mit so sprödem Stoff schwer zurecht.

Über seinem ersten großen Film, Iwans Kindheit aus dem Jahr 1962, schreibt ein Kritiker, er sei »eine einzige Obszönität. Ein Bub, der seine Angehörigen durch den Terror der Deutschen verloren hat, wird zum Pfadfinder der Roten Armee.«1 (mehr…)

Die Argonauten in Mysien

Oder: Über die Willfährigkeit der Natur



Noch nicht vollends zivilisiert: Jason und die Argonauten in einem Film von Ula Stöckl und Edgar Reitz: Das goldene Ding, 1972

Eigensinn statt Freiheit


Eingang des Menschen in die selbstgewählte Unmündigkeit? Uros Petrovic nach gelungener Flucht in die „Unfreiheit“. Blue Gypsy Segment aus All the Invisible Children (2005)

Emir Kosturicas Blick auf die Welt ist eigenartig. Eine pathetische Welt ohne Pathos. Magie ohne das, was Adorno »blutige Unwahrheit« nennt. Die Entgegensetzung von Freiheit und Zwang fehlt. Die Dialektik von Herr und Knecht fehlt. Das mag es ja geben, allein: es interessiert nicht. Das Unbehagen an Kosturicas Filmen beweist dem europäischen Zuschauer, wie sehr er die liberalen Grundwerte verinnerlicht und geheiligt hat – derart, dass sie ihm als »artifizielle Tugenden« (David Hume) unkenntlich geworden sind. Die Welt ist malad. Das Projekt der Zivilisation? Heilige Scheiße! Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Ach was. Ein Naturrecht hat es nie gegeben.

Blue Gypsy: Der Anstaltsleiter ist genau so ein aberwitziger Kindskopf wie seine verrückten Zöglinge. »Wenn du hier brav bist, lassen sie dich spielen: was du willst, wann du willst und so oft du willst«. Dialektik von drinnen und draußen. Parteinahme für den Zwang? Glück der Enklave? Feier des Asyls? Trifft es das überhaupt oder gehen hier Kategorien zuschanden? Und warum ist das nicht  n u r  traurig?

In der Welt draußen sterben die auseinanderstrebenden Elemente den Kältetod. In der Welt drinnen ist das Verhältnis des Raums, den die Körper einnehmen zum Aktionsraum  z w i s c h e n  den Körpern genau richtig. Das ist das entscheidende: nicht die Struktur, die Anordnung oder die „Position“ der Elemente, allein ihr Volumen und ihre (im übrigen höchst individuelle = idiosynkratische) Intensität.

Der Mensch ist grundsouverän, das Subjekt eine Chimäre. Und der Mensch ist gleich: in seiner irrationalen Vitalität, in seiner Erbärmlichkeit. Das transzendentale Subjekt ist ein Geschöpf des Jammertals. Es ist zum Lachen. Wir trinken Slibovitz. Wir hören Zigeunermusik: was für ein großartiger Sound! (mehr…)