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Ethische Monstren


Das große Heft / Le grand cahier Titel der 2013
bei Piper erschienenen Ausgabe.

Die ungarische Schriftstellerin Agota Kristof schrieb diesen Roman, der 1986 in Paris erschien, in einer fremden Sprache. (mehr…)

Ästhetik der verletzten Existenz / II

Sartres Buch über Genet ist eine ästhetische Würdigung der Existenz Genets. Einmal als heroischer Plot und zum zweiten ganz unmittelbar als Gegenstand des literarischen Genres Roman, der sich nur poetologisch erschließen läßt: Ästhetik des Sinns und Ästhetik der Form. Wo Sartre moralisch argumentiert, indem er die tradierten Kategorien gut und böse durcheinanderwirbelt, ohne ihnen gänzlich zu entsagen, wechselt er zum Pamphlet über, wie in der anhängigen »Selbstdarstellung des anständigen Menschen«. Der anständige Mensch ist ästhetisch neutral, Genet positiv konnotiert. Aber der anständige Mensch ist nicht nur Horizont (gleichsam im moralischen Jenseits) für Genets ästhetische Selbsterfindung – er ist Ursache der ästhetischen Revolte/Selbstverwirklichung. Denn es ist ja ein Repräsentant jener anständigen Menschheit, der Genet mit dem »ontologischen Fluch« (Du bist ein Dieb, haltet den Dieb) belegt, ihm die entscheidende Verletzung zufügt, die ihn schwindeln läßt und von der die Geschichte ihren Ausgang nimmt. Wie Judas als Erfüllungsgehilfe der Heilsgeschichte ist jene anonyme Stimme in der Geschichte Genets eine notwendige, ästhetisch positive Figur.

Ästhetik der verletzten Existenz / Genet

Es gibt keine andere Quelle der Schönheit als die Verletzung, einzigartig, verschieden bei jedem einzelnen, versteckt oder sichtbar, die jeder Mensch in sich trägt, die er sich bewahrt und in die er sich zurückzieht, wenn er die Welt in eine vorübergehende, doch tiefe Einsamkeit verlassen möchte.

Jean Genet, in seinem Text über Giacometti, zitiert nach Edmund White (1993). Jean Genet. Eine Biographie. München: Kindler, S. 54

In einem seiner philosophical papers zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus fragt Charles Taylor, ob das Resultat einer »Ästhetik der Existenz«, gesetzt den Fall, wir könnten die »augustinische Innerlichkeit abschütteln«, wirklich so großartig wäre. Er tut dies merkwürdigerweise erst am Ende seines Aufsatzes über Foucault.1 Taylors Vorbehalte gegenüber Foucault sind nicht rational, sie folgen nicht logisch aus den 45 vorhergenden Seiten. Die Pflichtbindungen, denen Taylor sein Denken unterwirft, sind schon disparat genug: praktische Philosophie, analytische Kritik, »habits of the heart«. Und wie allen Pragmatikern geht Taylor die Lust an heuristischen Experimenten ab, fehlt ihm der Möglichkeitssinn. Foucaults Denken kennt dagegen nicht nur den Konjunktiv, sondern darüber hinaus den Optativ, diesen im Zuge der frühneuzeitlichen Modernisierung verlorengegangenen Modus des Verbs. (mehr…)