Archiv der Kategorie 'Studium generale'

Tödlich-tragische Finalität

Pädophilie, behauptet die Kulturwissenschaftlerin Marta Georgi mit Blick auf die jüngsten ‚Enthüllungen‘, sei gar keine Eigenschaft konkreter Individuen. Die Ontogenese der Pädophilie sei reine Mystifikation. Sie folge einem heute gängigen Muster der Rationalisierung sexueller Vorlieben als (zweiter) Natur, einem unentschiedenen Streit: Anlage oder Umwelt. Es sind die Gene, sagen die einen. Frühkindliche oder sozialisatorische Einflüsse, die anderen. Tertium datur, sagt Marta Georgi. Es ist keines von beidem, sondern ein Drittes: Geschichte. (mehr…)

Gegen den Kult des Kindes

Wenn man davon ausgeht, dass mit dem Lacan’schen Begriffsapparat heute noch gültige Aussagen über die Weltgesellschaft (europäischer Herkunft) getroffen werden können, wenn man also auf den „realen“, „idiotischen“, sich dem Sinn entziehenden, unteilbaren Kern der Weltpolitik rekurrieren will – dem gleichwohl aller Sinn entfließt – dann kann man wohl sagen, dass Lee Edelman’s Buch No Future: Queer Theory and the Death Drive (2004) einiges hermacht. Zumal für eine Theorie der Lust ist Lacan vermutlich eine der unhintergehbaren Quellen: Lust, die gerade in ihrer merkwürdigsten individuellsten Ausprägung (als jouissance) ihrem Träger fremd bleibt, ihn wahrscheinlich nur als Intermedium gebraucht. Merkwürdig bleibt – und geprüft werden müßte – ob Lacan die gesellschaftliche Ordnung ebenso wie Lee Edelmann auf eine „fetischistische, identitätsstiftende jouissance“, d.h. auf ein stumpfsinniges, zur sinnlosen ritualistischen Wiederholung neigendes, dem Todestrieb verwandtes basales Genießen-Wollen zurückführen würde. Auf diese Art und Weise politisiert Edelman Lacan und repolitisiert er die Queer Theory. Und er hat ja Recht: der Beifall, der einer liberalen Schwulenpolitik gespendet wird, ist ranzig. Selbst Obamas Ja zur Schwulenehe (erst kürzlich) wird uns in den Medien unisono als ephemer revolutionärer Akt verkauft. Queer Politics sind auf eine heimtückische Art konformistisch geworden. Aber wie genau? (mehr…)

Iwans Kindheit

Andrej Tarkowskij, Autorenfilmer aus der UdSSR, später Dissident, gehört mit Sicherheit in die Reihe jener Eliten, deren Blick schon immer gen Westen gerichtet war. Es gibt in seinen Filmen keine „russische Seele“ (auch nicht im Film über den Ikonenmaler Rubljow), keinen „Sowjetmenschen“, keine Nationaltypik. Weder moralische Bedürfnisse noch ästhetisches Geschmäcklertum werden bedient und es gibt vielleicht kaum einen Regisseur, der sich so wenig darum schert, sein Publikum gut zu unterhalten. So kann das Schauen zur Tortur werden. Das ist mir bei Stalker passiert: diese Schwere, dieser geheimnis- und effektlose Surrealismus, trostlose Fatalismus, diese Selbstzerknirschung und Humorlosigkeit, diese Ödnis und Einsamkeit. Auch der Verstand kommt mit so sprödem Stoff schwer zurecht.

Über seinem ersten großen Film, Iwans Kindheit aus dem Jahr 1962, schreibt ein Kritiker, er sei »eine einzige Obszönität. Ein Bub, der seine Angehörigen durch den Terror der Deutschen verloren hat, wird zum Pfadfinder der Roten Armee.«1 (mehr…)

Berühren · Touchieren · Antatschen

… ist eine Reihung von Begriffen, deren Verwandtschaft lediglich durch ihre etymologische Wurzel bezeugt werden kann. Semantisch treiben die Begriffe auseinander. Das Bezeichnete ist sogar dann meilenweit voneinander entfernt, wenn mit den Bezeichnungen identische Tathandlungen beschrieben werden. Eine ähnliche Reihung bringt Clifford Geertz in seinem berühmten eth(n)ologischen Basistext über Zucken, Zwinkern, Blinzeln.

Interessant sind in diesem Zusammenhang Versuche, unser (alteuropäisches) Klassifikationsmodell, wonach es genügen muß, einen Gattungsbegriff und eine spezifische Differenz anzugeben (Genus proximum & differentia specifica), aufzulösen und durch ein Spiel der Ähnlichkeiten, Assoziationen und Ansteckungsfähigkeiten zu ersetzen. Das Modell gibt Wittgenstein mit dem, was er Familienähnlichkeiten nennt.

Ein Beispiel liefert Kai Müller mit seinem Tagesspiegel-Artikel vom 21.03.2011. Ein ziemlich hinterhältiger Text, der allerdings so nur in deutscher Sprache funktioniert. Die zweite Hälfte des Artikels habe ich geschnitten, sie ist für das Gemeinte nicht mehr relevant:

Justin Bieber: Sag’ niemals nie

Der kanadische Sänger Justin Bieber ist ein blasser, schmaler Junge mit in die Stirn gekämmten Haaren, der weltweit Millionen Menschen berührt.

Als der amerikanische TV-Entertainer Steven Colbert vergangenes Jahr für einen Grammy nominiert war – er hatte eine CD mit Weihnachtsliedern aufgenommen –, begegnete er auf dem roten Teppich einem 16-jährigen Knaben aus Kanada. Fotografen schrien: ein gemeinsames Foto! Colbert legte seinen Arm väterlich um den Jungen, ein Lächeln. Blitz.

Später, in seiner Sendung, zeigte Colbert das Foto voller Stolz. Seht her, sagte er, da schlug meine große Stunde, „als ich Justin Bieber traf und ihn berührte“. Dann stockte Colbert kurz. Was hatte er da eben gesagt? Darf man das, einen 16-Jährigen „berühren“? Dann wandte er sich an die Regie, man möge den Satz unbedingt herausschneiden.

I have never touched Justin Bieber!“