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Will McBride ist tot

Es war abzusehen, dass er das Jahr nicht überleben würde. Er war schwer krank.

Eine späte Genugtuung – und wohl auch notwendige verkaufsfördernde Maßnahme – war die Eröffnung der c/o Foundation im Amerikahaus im vergangenen Herbst. Die Granden aus Politik und Kultur gaben sich – und ihm – die Ehre. Sein Adenauer hat Ähnlichkeiten mit einem Reptil. Nein, Will McBride ist kein Karikaturist.

Einer seiner Lehrer war Norman Rockwell, der auf so unverwechselbare Art, mit warmherziger Ironie, den amerkanischen Alltag portraitierte, als New Deal zwischen den Generationen: wir geben euch, den Kindern, neue Erlebniswelten und Ausdrucksfreiheit – aber ihr müßt auch ein wenig unserem sentimentalen Bild von Kind entsprechen: lebensfroh, übermütig, unschuldig, erotisierend. Eine friedfertig gedachte Welt. Rockwell soll McBride auch nahegelegt haben, Zeichenstift und Pinsel niederzulegen und sich besser auf die Fotografie zu konzentrieren.

Ich erinnere mich an eine kleine Veranstaltung im Innenhof und Atelier seines Hauses im Berliner Scheunenviertel, vor fast zehn Jahren. Es sollte eine Verkaufsausstellung werden – und Will war sehr betrübt darüber, dass seine Plastiken und Gemälde nicht dasselbe Interesse weckten, wie seine berühmten Fotografien. Der befreundete Dichter Thomas Böhme stahl ihm die Show. Dazu ein schöner Junge, der mit gespannter Aufmerksamkeit der Lesung lauschte. Um die Besucher richtig zu leiten, war im Torbogen die lebensgroße Plastik eines nackten Jungen aufgestellt – eine Hausnummer weiter machte zu dieser Zeit „Kind im Zentrum“ ‚Therapie‘ mit den unsublimierten Formen der Bewunderung für solche Jungen.

Meine Gedanken sind bei seinen FreundInnen und letzten Unterstützern.

Ethische Monstren


Das große Heft / Le grand cahier Titel der 2013
bei Piper erschienenen Ausgabe.

Die ungarische Schriftstellerin Agota Kristof schrieb diesen Roman, der 1986 in Paris erschien, in einer fremden Sprache. (mehr…)

DEFA 1

Großes Kino hat die DDR nicht hervorgebracht. Dieser Umstand ist erklärungsbedürftig. Die Dürftigkeit ihres Filmschaffens gegenüber etwa der Qualität und Masse ihrer literarischen Produktion scheint nicht in technischer oder personaler Not begründet. Auch die kulturelle Planwirtschaft – mit der nährenden Mutter DEFA als einziger Filmpoduzentin – lähmte nicht die Produktivität: es hat kein Disengangement, keinen Schlendrian gegeben. Noch weniger ist es jene spezifische Eigentümlichkeit der DEFA, Filmkust im Kollektiv hervorzubringen und zu verantworten1, die den Mangel an Innovation und internationaler Beachtung erkären kann. Was dann? (mehr…)

Retromania (The future is kid stuff II)

Eine fragwürdige Rückwärtsgewandtheit erkennt Reynolds auch in der Musik, die heute gemeinhin als Avantgarde durchgeht und die Reynolds unter dem Label „Hauntology“ zusammenfasst. Mit diesem Begriff beschrieb Jacques Derrida Anfang der neunziger Jahre die Marxschen Ideen, die die Gegenwart immer wieder heimsuchen wie Gespenster. Reynolds verwendet den Begriff für einen Musikstil, der sich um die Musiker des britischen Labels Ghost Box entwickelte und mit dem Album „Music Has the Right to Children“ der Band Boards of Canada im Jahr 1998 begann. Reynolds war sofort angetan von deren Musik.

Nie zuvor war ihm eine derartige Obsession für die Vergangenheit zu Ohren gekommen: Voice-Overs aus Naturdokumentationen, dazu gesampelte Kinderstimmen, ein psychedelischer analog-digitaler Mix, der Sehnsüchte nach einer Kindheit weckte, bei der man sich nie sicher sein konnte, ob es sich um eigene Erinnerungen oder Fernsehbilder handelte. Auch die Avantgarde-Musik wird also von einer Stimmung des Verlusts angetrieben. Reynolds erkennt in ihr die Anrufung einer kollektiven, nationalen Erinnerung an die goldenen Jahre des Wachstums und des Wohlstandsversprechens der sechziger und siebziger Jahre.

Sebastian Dörfler über Simon Reynolds Retromania (jetzt in deutscher Übersetzung) in der FAZ, 5.12.2012, S. 26.

Vgl. Edelman: »All of these fantasies re­pro­du­ce the past, through dis­pla­ce­ment, in the form of the fu­ture by con­st­ruing fu­tu­ri­ty its­elf as me­rely a form of re­pro­duc­tion.«

Gegen den Kult des Kindes

Wenn man davon ausgeht, dass mit dem Lacan’schen Begriffsapparat heute noch gültige Aussagen über die Weltgesellschaft (europäischer Herkunft) getroffen werden können, wenn man also auf den „realen“, „idiotischen“, sich dem Sinn entziehenden, unteilbaren Kern der Weltpolitik rekurrieren will – dem gleichwohl aller Sinn entfließt – dann kann man wohl sagen, dass Lee Edelman’s Buch No Future: Queer Theory and the Death Drive (2004) einiges hermacht. Zumal für eine Theorie der Lust ist Lacan vermutlich eine der unhintergehbaren Quellen: Lust, die gerade in ihrer merkwürdigsten individuellsten Ausprägung (als jouissance) ihrem Träger fremd bleibt, ihn wahrscheinlich nur als Intermedium gebraucht. Merkwürdig bleibt – und geprüft werden müßte – ob Lacan die gesellschaftliche Ordnung ebenso wie Lee Edelmann auf eine „fetischistische, identitätsstiftende jouissance“, d.h. auf ein stumpfsinniges, zur sinnlosen ritualistischen Wiederholung neigendes, dem Todestrieb verwandtes basales Genießen-Wollen zurückführen würde. Auf diese Art und Weise politisiert Edelman Lacan und repolitisiert er die Queer Theory. Und er hat ja Recht: der Beifall, der einer liberalen Schwulenpolitik gespendet wird, ist ranzig. Selbst Obamas Ja zur Schwulenehe (erst kürzlich) wird uns in den Medien unisono als ephemer revolutionärer Akt verkauft. Queer Politics sind auf eine heimtückische Art konformistisch geworden. Aber wie genau? (mehr…)